Eine Bilanz zieht man, wenn die Arbeit getan
ist, eine Zwischenbilanz in der Etappe. Gleichwie,
man will wissen, ob erreicht wurde, was man
erreichen wollte. Welche Anstrengungen waren
nötig? Hat sich der Aufwand gelohnt, war
er angemessen? Wo gab es Fortschritte, wo Rückschläge?
Bilanzen erzählen – so sie nicht
geschönt sind – von Erfolgen und
Misserfolgen eines Vorhabens. So auch das Buch
von Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué: „Die
Bilanz. Eine wirtschaftliche Analyse der Deutschen
Einheit“. Karl-Heinz Paqué ist
Professor für Wirtschaftswissenschaft an
der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.
Er war von 2002 bis 2006 Finanzminister in Sachsen-Anhalt.
Er erzählt die Wirtschaftsgeschichte
eines Werks, das vor 20 Jahren begann –
die deutsche Wiedervereinigung. Es war ein Glück
für die Deutschen, als der Eiserne Vorhang
fiel. Was dann folgte, sucht in der Wirtschaftsgeschichte
nach dem Krieg seinesgleichen – vielleicht
mit Ausnahme des Wiederaufbaus aus den Trümmern.
1,6 Billionen Euro hat die Wiedervereinigung
die Deutschen bislang gekostet. Manche wie Altkanzler
Helmut Schmidt („Mezzogiorno ohne Mafia“)
meinen, das sei zu viel Geld für zu wenig
Fortschritt. Wirklich? Karl-Heinz Paqué
macht die Rechnung auf und erinnert an den einfachen
Umstand, dass die nationale Wiedervereinigung
zugleich die Abwicklung der maroden und vor
dem Kollaps stehenden Kommandowirtschaft staatssozialistischen
Typs war.
Die Infrastruktur war dahin, ganze Städte
verfielen, die Wirtschaft hatte nur einen Bruchteil
der westdeutschen Effizienz, und – was
noch schlimmer war – die Luftverschmutzung
und die Bodenbelastung durch die Uraltindustrie
gefährdeten das kreatürliche Leben
der Menschen.
Dass unter solchen Umständen „blühende
Landschaften“ herbeigesehnt wurden und
manche Hoffnungen ins Kraut schossen, mag aus
heutiger Sicht naiv erscheinen. Aber damals?
Bedurfte es nicht auch hoher Erwartungen, um
mit dem Werk überhaupt beginnen zu können?
Hätte man vor den gewaltigen Aufgaben lieber
verzagen sollen?
Wenn es denn eine Enttäuschungsgeschichte
der Wiedervereinigung Deutschlands gibt, dann
die, dass wir in der Euphorie mehr wollten,
als wir bisher erreicht haben. Das, was noch
fehlt, kann auch noch erreicht werden, wenn
uns der Wille und der Mut dazu nicht verlassen.
Insofern ist die Bilanz von Karl-Heinz Paqué
auch eine Zwischenbilanz – ein nüchterner,
keineswegs ernüchternder Bericht aus der
Etappe. Schönrednerei liegt ihm so fern
wie die Schwarzseherei.
Am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit
liest Prof. Paqué aus seinem Buch, berichtet
von seinen persönlichen Erfahrungen im
Aufbau Ost und stellt sich der Diskussion mit
dem Publikum.
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