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VERANSTALTUNGSBERICHT
MATTHIAS HORX:
DER VIERTE WEG – WIE POLITIK DIE ZUKUNFT ZURÜCKGEWINNEN
KANN
Matthias
Horx, einer der bedeutendsten Trend- und Zukunftsforscher
im deutschsprachigen Raum, skizzierte in einer
Veranstaltung der Villa Lessing im April 2008
die Entwicklungen, die sich jenseits der Tagespolitik
als Herausforderungen an Politik und Gesellschaft
in Deutschland und Europa abzeichnen. Nachfolgend
die zentralen Thesen seines Beitrags, wie die
Politik tatsächlich die Gestaltung der Zukunft
für sich zurückgewinnen kann.
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Politik scheint an drei großen Krankheiten zu
leiden: Skandalisierung, Personalisierung, Polarisierung.
Diese Turbulenzen des Politischen stellen ein Übergangsphänomen
dar. Sie haben mit neuen Bedingungen von Ökonomie
und Lebenswelt zu tun, mit fundamentalen Veränderungen
im Herzen unserer Sozio-Kultur. Unser heutiges Parteiensystem
wie unser ganzes politisches Denken sind auf die Bedingungen
der Industriegesellschaft zugeschnitten. In der kommenden
Wissens-Gesellschaft benötigen wir jedoch ein neues
politisches Zukunfts-Denken. Wir müssen das ideologische
Korsett des Links-Rechts-Widerspruchs sprengen!
Während uns das Industrie-System noch eine Menge
Faulheiten und Feigheiten nicht nur erlaubte, sondern
geradezu aufdrängte – in Form von lebenslangen
Arbeitsplätzen, Milieubindungen, genormten Bildungs-
und Berufsbiografien – orientiert sich die Wissensökonomie
an Losgröße eins. Dem Individuum. Wir
alle sind zu höherer Autonomie, zu mehr Freiheit
und Selbstverantwortung gezwungen! Höchste
Zeit, dass wir uns einen guten Sparrings- und Trainingspartner
dazu ausbilden. Einen vernünftigen, aufgeklärten,
innovativen, zukunftssicheren Staat.
Das Ende der Industriegesellschaft bringt ein Ende
der alten wirtschaftlichen Automatik, die alle Boote
hob. In der Globalisierung wandern einfache Produktionsjobs
in andere Länder ab. Die Komplexität der Lebens-
und Arbeitswelt steigt. Alte, geschützte Sektoren
unterliegen nun der internationalen Konkurrenz. Die
Globalisierung treibt uns die Treppe der Wertschöpfung
hinauf: Nicht mehr Produktionsarbeit oder einfache Services
machen unseren Wohlstand aus, sondern Prozesse der Innovation,
der Analyse, der Kommunikation, des Teamworks, der ständigen
Verbesserung.
Die Wissensgesellschaft erfordert also vom Individuum
neue und komplexere Sozialtechniken. Die Fähigkeit
zur Selfness, zur
bewussten Veränderung und Weiterentwicklung der
eigenen Fähigkeiten, rückt in den Vordergrund.
Dies gilt für die Arbeits- und für die Lebenswelten:
Auch im Verhältnis zwischen Mann und Frau kommt
„man“ heute mit den alten Strategien nicht
weiter – wenn man das neue, komplexe Geschlechter-Spiel
nicht beherrscht, landet man schneller in einer Scheidungsbiografie
mit anschließendem Privatkonkurs, als man schauen
kann ...
Im alten, ideologisch getränkten Denken geht es
immer nur um (falsche) Alternativen: mehr (Sozial-)Staat
oder weniger Staat. Unter den Bedingungen moderner,
globaler Individualgesellschaften müssen wir jedoch
das Verhältnis zwischen
Staat, Bürger, Gemeinschaft und Individuum neu
konfigurieren.

Starker Staat
Die Schwächung des Staates zu fordern,
ist aus mehreren Gründen unsinnig. In der Sicherheits-
und Bildungspolitik verlangen wir zu Recht MEHR vom
Staat als früher. Zweitens müssen wir die
kollektive Mentalität der Bevölkerung berücksichtigen.
Wir leben in einem Sozialstaat. Und das wird auch
so bleiben. Die Crux mit diesem Sozialstaat ist allerdings,
dass er seine eigenen Ansprüche nicht erfüllt.
Statt sozialen Ausgleich zu schaffen, verschärft
er die sozialen Widersprüche, indem er Opferidentitäten
züchtet und falsche Anreize setzt. An einigen
Punkten mischt er sich sinnlos in die Angelegenheit
des Bürgers ein, an anderen übt er pures
Laissez-faire. Abzusehen ist, dass die Bildungspolitik
im Zentrum der neuen Sozialpolitik stehen muss.
Starker Markt Markt
ist nicht überall die beste Lösung, aber
ohne Marktelemente funktionieren auch die öffentlichen
Sektoren schlecht. Gerade starke Sozialstaaten wie
die skandinavischen Länder haben einen starken
Markt. Dort rufen die Unternehmen, anders als bei
uns, nicht unentwegt nach niedrigeren Steuern. Der
Ruf nach Steuerfreiheit ist oft eine Kompensation
für mangelnde Innovationsfähigkeit. Andererseits
gilt: Je stärker die Wirtschaft, desto mehr kann
sie am „Projekt Chancen für alle“
mitarbeiten, durch Transfers in Bildung und Weiterbildung
zum Beispiel. Dieses Projekt ist für die neue
Wirtschaft keine Nebensache mehr, sondern liegt im
Zentrum ihres eigenen Interesses. Denn das zentrale
Kapital der Zukunft ist das Humankapital!
Starke Zivilgesellschaft
Keine Gesellschaft, keine Kultur kann ohne
jenes Geflecht der alltäglichen Unterstützungen
auskommen, wie sie sich in Familien, Kommunen, freiwilligen
Initiativen, Nachbarschaften zeigen. Allerdings verändern
diese auch die Strukturen der Zivilgesellschaft: Aus
Zwangsmitgliedschaften werden freiwillige Engagements.
Aus Kernfamilien werden erweiterte Wahlfamilien, aus
Dorfgemeinschaften werden urbane Nachbarschafts-Milieus.
Nicht mehr nur die freiwillige Feuerwehr allein und
die kirchliche Gemeinde bilden die Basis der Zivilgesellschaft,
auch die Sportinitiative der schwulen Handballer spielt
eine wichtige Rolle!
Starke Individuen
Individualität hat in Deutschland einen negativen
Hautgout. „Individualismus“ klingt nach
Egoismus und erinnert irgendwie an „unsozial“.
Aber wir haben nicht ZU VIEL Individualität,
sondern viel ZU WENIG reife, entwickelte, selbstgewisse
Individualität! Individualität und Sozialität
durchdringen und bedingen einander. Ohne eine Kultur
der starken Individuen, die sich selbst verantworten
und verändern können, ist Gesellschaft nicht
nachhaltig gestaltbar! Hier zeigt sich vor allem das
genuine Defizit unseres Bildungssystems, das Menschen
immer noch nicht genug dabei hilft, „sie selbst“
zu werden!
Eine Politik des vierten
Weges bestünde also darin, die Schnittstellen
zwischen den Sektoren zu aktivieren, Win-win-Situationen
zu schaffen! Gute Politik im 21. Jahrhundert heißt,
dass Reformen alle Teilnehmer am gesellschaftlichen
Spiel einbinden! Das, was der Wirtschaft nutzt, stärkt
auch das Individuum. Zivilgesellschaftliche Initiativen
sind Teil des Wohlstands- und Wirtschaftsprozesses!
Es geht darum, die Anreize so zu setzen, dass die verschiedenen
gesellschaftlichen Ebenen und Institutionen miteinander
ein aktives Netzwerk bilden. Ein Netzwerk, das Menschen
hält, entlastet und empowert!
Von Vater Staat zum neuen
„Onkel Staat“: Die vier wichtigsten
Stichpunkte für Politik in der Wissens-Ökonomie
des 21. Jahrhunderts lauten:
Inklusivität
Politische Maßnahmen müssen stets dazu
führen, dass Bürger besseren Zugang zu Rechten
und Pflichten der Gemeinschaft bekommen.
Employability
Die Zielsetzung von Arbeitspolitik innerhalb und außerhalb
der Unternehmen ist nicht mehr die Erhaltung des Arbeitsplatzes,
sondern die kontinuierliche Steigerung der Arbeitskompetenz
des Einzelnen.
Flexicurity Die
Verbindung von Sicherheit und Flexibilität bedeutet,
dass sich die biografische Sicherheit mehr auf die
individuellen Fähigkeiten des Einzelnen konzentriert.
Sicher sind wir in gesteigerter, selbstgewollter Flexibilität!
Public Private Partnership
Politische Initiativen müssen stets auch einen
bürgerschaftlichen und „emanzipativen“
Effekt haben. Auch die Privatwirtschaft kann und muss
sich in bestimmten Bereichen an öffentlichen
Belangen beteiligen.
Für die Zukunft der Parteien und unseres politischen
Systems bedeutet dies:
Alte ideologische, weltanschauliche Differenzen werden
zunehmend unwichtiger. Die Parteien differenzieren sich
innerlich aus und werden dabei „anschlussfähig“.
Immer mehr Reformbündnisse und Allianzen auf Zeit
entstehen, die eher sozialen Bewegungen ähneln
und „Issue-Politik“ betreiben. Neue Parteien
entstehen, die um die Varianten des „vierten Weges“
konkurrieren. Zwar kommt es phasenweise zu einem Comeback
alter, reaktionärlinker Weltbilder. Aber gleichzeitig
entsteht auf lange Sicht eine neue, systemische Intelligenz
des Politischen.
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