Starker Staat
Die Schwächung des Staates zu fordern, ist aus mehreren
Gründen unsinnig. In der Sicherheits- und Bildungspolitik
verlangen wir zu Recht MEHR vom Staat als früher. Zweitens
müssen wir die kollektive Mentalität der Bevölkerung
berücksichtigen. Wir leben in einem Sozialstaat. Und das
wird auch so bleiben. Die Crux mit diesem Sozialstaat ist allerdings,
dass er seine eigenen Ansprüche nicht erfüllt. Statt
sozialen Ausgleich zu schaffen, verschärft er die sozialen
Widersprüche, indem er Opferidentitäten züchtet
und falsche Anreize setzt. An einigen Punkten mischt er sich sinnlos
in die Angelegenheit des Bürgers ein, an anderen übt
er pures Laissez-faire. Abzusehen ist, dass die Bildungspolitik
im Zentrum der neuen Sozialpolitik stehen muss.
Starker Markt Markt ist nicht
überall die beste Lösung, aber ohne Marktelemente funktionieren
auch die öffentlichen Sektoren schlecht. Gerade starke Sozialstaaten
wie die skandinavischen Länder haben einen starken Markt.
Dort rufen die Unternehmen, anders als bei uns, nicht unentwegt
nach niedrigeren Steuern. Der Ruf nach Steuerfreiheit ist oft
eine Kompensation für mangelnde Innovationsfähigkeit.
Andererseits gilt: Je stärker die Wirtschaft, desto mehr
kann sie am „Projekt Chancen für alle“ mitarbeiten,
durch Transfers in Bildung und Weiterbildung zum Beispiel. Dieses
Projekt ist für die neue Wirtschaft keine Nebensache mehr,
sondern liegt im Zentrum ihres eigenen Interesses. Denn das zentrale
Kapital der Zukunft ist das Humankapital!
Starke Zivilgesellschaft Keine
Gesellschaft, keine Kultur kann ohne jenes Geflecht der alltäglichen
Unterstützungen auskommen, wie sie sich in Familien, Kommunen,
freiwilligen Initiativen, Nachbarschaften zeigen. Allerdings verändern
diese auch die Strukturen der Zivilgesellschaft: Aus Zwangsmitgliedschaften
werden freiwillige Engagements. Aus Kernfamilien werden erweiterte
Wahlfamilien, aus Dorfgemeinschaften werden urbane Nachbarschafts-Milieus.
Nicht mehr nur die freiwillige Feuerwehr allein und die kirchliche
Gemeinde bilden die Basis der Zivilgesellschaft, auch die Sportinitiative
der schwulen Handballer spielt eine wichtige Rolle!
Starke Individuen Individualität
hat in Deutschland einen negativen Hautgout. „Individualismus“
klingt nach Egoismus und erinnert irgendwie an „unsozial“.
Aber wir haben nicht ZU VIEL Individualität, sondern viel
ZU WENIG reife, entwickelte, selbstgewisse Individualität!
Individualität und Sozialität durchdringen und bedingen
einander. Ohne eine Kultur der starken Individuen, die sich selbst
verantworten und verändern können, ist Gesellschaft
nicht nachhaltig gestaltbar! Hier zeigt sich vor allem das genuine
Defizit unseres Bildungssystems, das Menschen immer noch nicht
genug dabei hilft, „sie selbst“ zu werden!
Eine Politik des vierten Weges
bestünde also darin, die Schnittstellen zwischen den Sektoren
zu aktivieren, Win-win-Situationen zu schaffen! Gute Politik im
21. Jahrhundert heißt, dass Reformen alle Teilnehmer am gesellschaftlichen
Spiel einbinden! Das, was der Wirtschaft nutzt, stärkt auch
das Individuum. Zivilgesellschaftliche Initiativen sind Teil des
Wohlstands- und Wirtschaftsprozesses! Es geht darum, die Anreize
so zu setzen, dass die verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen und
Institutionen miteinander ein aktives Netzwerk bilden. Ein Netzwerk,
das Menschen hält, entlastet und empowert!
Von Vater Staat zum neuen „Onkel
Staat“: Die vier wichtigsten Stichpunkte für Politik
in der Wissens-Ökonomie des 21. Jahrhunderts lauten:
Inklusivität Politische
Maßnahmen müssen stets dazu führen, dass Bürger
besseren Zugang zu Rechten und Pflichten der Gemeinschaft bekommen.
Employability Die Zielsetzung
von Arbeitspolitik innerhalb und außerhalb der Unternehmen
ist nicht mehr die Erhaltung des Arbeitsplatzes, sondern die kontinuierliche
Steigerung der Arbeitskompetenz des Einzelnen.
Flexicurity Die Verbindung
von Sicherheit und Flexibilität bedeutet, dass sich die biografische
Sicherheit mehr auf die individuellen Fähigkeiten des Einzelnen
konzentriert. Sicher sind wir in gesteigerter, selbstgewollter
Flexibilität!
Public Private Partnership
Politische Initiativen müssen stets auch einen bürgerschaftlichen
und „emanzipativen“ Effekt haben. Auch die Privatwirtschaft
kann und muss sich in bestimmten Bereichen an öffentlichen
Belangen beteiligen.
Für die Zukunft der Parteien und unseres politischen Systems
bedeutet dies:
Alte ideologische, weltanschauliche Differenzen werden zunehmend
unwichtiger. Die Parteien differenzieren sich innerlich aus und
werden dabei „anschlussfähig“. Immer mehr Reformbündnisse
und Allianzen auf Zeit entstehen, die eher sozialen Bewegungen ähneln
und „Issue-Politik“ betreiben. Neue Parteien entstehen,
die um die Varianten des „vierten Weges“ konkurrieren.
Zwar kommt es phasenweise zu einem Comeback alter, reaktionärlinker
Weltbilder. Aber gleichzeitig entsteht auf lange Sicht eine neue,
systemische Intelligenz des Politischen. |