Bilder vom 16. Januar 2012
Ein Insiderblick nach Nordkorea!
Der Nordkorea-Experte Walter Klitz, Leiter des
Büros Korea der Friedrich-Naumann-Stiftung
für die Freiheit, referierte am 16.01.2012
in der Villa Lessing. Dabei sprach er, nach dem
Tod von Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il, über
die Folgen für das Land und die Region. Walter
Klitz ist für die Stifung regelmäßig
in Nordkorea unterwegs.
Bevor das System Nordkorea, das ein sozialistisches
und kein kommunistisches System ist in dem die
ganze Macht von der Partei und nicht vom Militär
ausgeht, so Herr Walter Klitz, klar dargestellt
werden kann, ist ein kurzer Blick auf die Historie
sicherlich hilfreich.
Im Vertrag von Portsmouth vom 5. September 1905,
der das Ende des Russisch-Japanischen Krieges
besiegelte, anerkannte Russland das Interesse
Japans an der koreanischen Halbinsel; In einem
zeitgleich geschlossenen geheimen Abkommen zwischen
den USA und Japan (Taft-Katsura Abkommen) wurden
die territorialen Interessen in der Region (USA:
Philippinen; Japan: Korea) festgeschrieben. 1905
wurde Korea Protektorat Japans. 1910 erzwang Japan
die Abdikation des koreanischen Königs Sunjong
und gliederte Korea durch den Japanisch-Koreanischen
Annexionsvertrag als neue japanische Provinz ein.
Die Annexion endete mit der Kapitulation Japans
am 15. August 1945 (bis heute nationaler Feiertag/Unabhängigkeitstag
in beiden Koreas).
Der Koreakrieg begann am 25. Juni 1950 mit einem
Überfall nordkoreanischer Truppen auf Seoul
und endete am 27. Juli 1953 mit der Unterzeichnung
eines Waffenstillstandsabkommens zwischen den
(1) Vereinten Nationen und (2) der DVRK und den
chinesischen Volksfreiwilligen. Das Abkommen wurde
erst nach dem Tod von Stalin möglich. Bis
heute gibt es keinen Friedensvertrag.
Am 30. Juli 1950 hatte der Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen mit Resolution 85 das UNCommand
ermächtigt, der koreanischen Bevölkerung
zur Hilfe zu eilen. An dem Kommando beteiligten
sich Streitkräfte aus 22 Nationen. Die Volksrepublik
China war zum damaligen Zeitpunkt nicht Mitglied
der Vereinten Nationen.
Das Jahr 2012 ist ein wichtiges Jahr für
Nordkorea. Es ist das Jahr in dem der 100. Geburtstag
des sogenannten ewigen Führers Kim Il Sung
pompös begangen werden wird. Mit bekannten
Bildern von Massenjubelveranstaltungen wird gewiss
nicht gespart werden. Es ist aber auch das Jahr
in dem die Machtverhältnisse im Land neu
sortiert werden müssen, so der Referent.
Nach dem Tod von Kim Jong Il hat mit Kim Jong
Un der dritte Kim die Macht übernommen. Kim
Jong Un wird die Staatsführung übernehmen
und dabei vom engen Familienkreis gestützt.
Die Frage, ob es unter dem neuen Führer
besser werden wird und sich das Land zumindest
wirtschaftlich eventuell nun etwas öffnen
wird, beantworte Herr Klitz mit der Überlegung,
dass wenn man die Situation in Nordkorea beurteilen
möchte, man nicht alleine auf die Person
Kim Jong Un schauen sollte. Erstens ist Kim Jong
Un noch relativ jung und es ist eine Situation
die die Machthaber in Nordkorea nicht unvorbereitet
getroffen hat. Kim Jong Il war schon länger
sehr krank und die Vorbereitungen für den
Wechsel laufen bereits seit drei Jahren im Hintergrund,
so Walter Klitz. Dementsprechend sei es sehr viel
interessanter das Umfeld genauer zu betrachten.
Aus seinen Gesprächen in Nordkorea weiß
Herr Klitz, dass man sich dort eine längere
Übergangsphase gewünscht hätte,
um die Risiken des Machtverlustes in der jetzigen
Phase zu minimieren. In einer konfuzianischen
Gesellschaft wie der Nordkoreas zählt das
Alter und Kim Jong Un ist eben noch sehr jung.
Aber die Weichen sind gestellt. Gefährlich
könnte es allerdings werden, wenn die Loyalitäten,
die sich noch zum Teil auf den Großvater
Kim Il Sung stützen, ins Wanken geraten.
Es wird im Wesentlichen darauf ankommen, dass
der junge Mann es versteht, Loyalitäten bei
der jüngeren Generation aufzubauen. Den Boden
dafür hat man bereits bereitet: Seit der
Parteidelegiertenversammlung im September 2009
sind systematisch diejenigen ausgetauscht worden,
die auch nur im Verdacht standen, dem System gegenüber
nicht zu 100 Prozent loyal zu sein. Das wird fortgesetzt
werden.
Kim Jong Un sei aber keinesfalls nur das Symbol
das an der Spitze des Landes steht. In Nordkorea
war es auch schon unter seinem Vater so, dass
politische Entscheidungen in einem Diskurs getroffen
werden. Allerdings unter der Berücksichtigung,
dass der Führer letztendlich die ausschlaggebende
Stimme hat.
Die Partei ist in allen gesellschaftlichen Bereichen
vertreten. Sie kontrolliert die Gewerkschaften,
den Lehrerverband, die sozialistische Jugendliga
und alle Wirtschaftsbetriebe des Landes. Wie in
China der Kulturrevolution sind die Nachbarschaftskomitees
(„inminban“) unterste Parteigliederung.
Zu ihren Aufgaben gehört es, die Sicherheit
und Ordnung zu gewährleisten und auf die
absolute Einhaltung der Weisungen der Partei und
ihres Führers zu achten. Dazu werden in regelmäßigen
Abständen sogenannte Selbstkritik- bzw. Anklageveranstaltungen
durchgeführt,
bei denen die Teilnehmer ihre Verfehlungen beichten
können. Da sie von anderen auch angeklagt
werden können, sind Denunziationen an der
Tagesordnung. Das so geschaffene Klima des gegenseitigen
Misstrauens ist Garant für das Überleben
des Systems. Sogar Kinder werden von ihren Lehrern
aufgefordert, über Verfehlungen ihrer Eltern
zu berichten.
Gewiss darf das Militär in der Machtstruktur
nicht vergessen werden, doch sollte der Einfluss
nicht überbewertet werden, da das Militär
in erster Linie „das Militär der Partei
ist“. D. h. die Partei entscheidet wer in
der nationalen Verteidigungskommission Mitglied
ist. „Die Partei hat eindeutig das Sagen“.
Doch sollte die Rolle des Militärs nicht
unterschätzt werden, es bleibt aber das Vollzugsorgan
der Partei.
Die ständigen Raketentests und das Atomprogramm
haben zweierlei Wirkungen. Abschreckung nach Außen
und Stabilisierung des Systems nach Innen. Was
die Atomwaffen betrifft sei Nordkorea sehr weit,
so der Vortragsgast. Allerdings habe Nordkorea
noch kein Trägersystem. Sollte sich dies
ändern, würde die Situation bränzlich
werden. Politische Kurzschlusshandlungen seien
jedoch nicht zu erwarten. Hierfür ist die
Politik Nordkoreas bzw. der Machthaber zu rational.
Die Atomwaffen geben dem Land ein gewisses Selbstvertrauen
und die Machthaber haben jetzt die Möglichkeit
mit den USA und Süd-Korea auf Augenhöhe
zu verhandeln.
Den Prozess der wirtschaftlichen Lage und die
Spielräume die das Land hat, verfolgt Herr
Klitz seit mehr als fünf Jahren. Er war 21
Mal in Nordkorea, und urteilt, dass es schon „erheblich
besser aussieht“. Nicht nur, dass die Menschen
gelöster sind, es gibt auch inzwischen 800.000
Handys. Man sieht Luxusgüter und erlebt einen
Bauboom. „Da ist inzwischen eine Menge Geld
unterwegs“, so Herr Klitz. Die wirtschaftliche
Grundlage ist aber nach wie vor die Planwirtschaft.
Wesentlich zur Veränderung beigetragen hat
China, indem mehr direkt investiert wurde und
indem der Handel ausgebaut wurde, mit einer Steigerungsrate
von 35 Prozent allein im letzten Jahr.
Trotz der Steigerungsrate hat das Land ein immenses
Versorgungsproblem. Nordkorea hat ein strukturelles
Defizit. Das Land kann sich alleine nicht ernähren.
Das liegt an der Topographie und an den Witterungsbedingungen.
In der Monsumzeit zum Beispiel regnet es stark.
25 Prozent der Ernte werden vernichtet, weil es
an Lagerungsmöglichkeiten fehlt. Aber mit
Äußerungen, dass in Nordkorea Hungersnot
herrsche, ist Herr Klitz sehr zurückhaltend.
Gewiss gibt es jedoch Mangelerscheinungen, Mangelernährung
und ein deutliches Distributionsdefizit. Die Versorgungslage
im Nordosten des Landes ist zum Teil dramatisch.
Auf dem Land, mit Ausnahme des Nordostens versorgen
die Menschen sich im eigenen Anbau selbst. Sie
haben offensichtlich aus der Krise Mitte der 90-er
Jahre gelernt, als angeblich zwei Millionen Menschen
verhungert sind. Das Versorgungsproblem entsteht
hauptsächlich in den Städten. Dort ist
man auf
Lieferungen vom Land angewiesen. Aber es sind
Ansätze zu beobachten. So ist in den letzten
zwei Jahren eine riesige Apfelplantage von 1000
Hektar entstanden. Aber das Land ist und bleibt
auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen.
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